Ein unabhängiger Zwischenbericht konkretisiert die Vorwürfe gegen den früheren Essener Bischof und Kardinal Franz Hengsbach (1910–1991). Mehrere Vorwürfe sexualisierter Gewalt werden von den Forschenden als gut belegt und plausibel bewertet. Zudem dokumentiert der gestern veröffentlichte Bericht Hinweise auf Machtmissbrauch und Grenzverletzungen durch Kardinal Hengsbach sowie Versäumnisse kirchlicher Stellen im Umgang mit den Anschuldigungen.
Nach Angaben der Wissenschaftler liegen insgesamt zwölf Vorwürfe sexualisierter Gewalt gegen Minderjährige vor. Drei Vorwürfe gegen junge Frauen gelten als gut belegt und plausibel. Ein weiterer Vorwurf gegen einen Jungen weist nach Einschätzung der Forschenden deutliche Parallelen zu anderen bekannten Fällen auf. Darüber hinaus dokumentiert der Bericht weitere Hinweise auf übergriffiges und machtmissbräuchliches Verhalten, die noch nicht abschließend bewertet werden konnten.
Der Zwischenbericht zeichnet das Bild eines Kirchenmannes, dessen Verhalten im Widerspruch zu seiner öffentlichen Rolle als Verfechter einer strengen katholischen Sexualmoral gestanden habe. Die Forschenden sehen Anzeichen für destruktiven Machtgebrauch gegenüber unterstellten Klerikern, unangemessene körperliche Nähe sowie Hinweise darauf, dass Hengsbach von sexualisierter Gewalt wusste und auf Berichte Betroffener abwehrend reagierte. Hinweise auf eine Beteiligung an schwerer sexualisierter, physischer oder psychischer Gewalt mit rituellen Bezügen fanden sich dagegen nicht.
Kritisch bewertet der Bericht auch den Umgang kirchlicher Verantwortlicher mit den Vorwürfen. Demnach waren Anschuldigungen gegen Hengsbach spätestens seit 2011 bekannt, wurden jedoch zunächst nicht weiterverfolgt. Erst nach einer weiteren Meldung im Herbst 2022 änderte sich der Umgang mit dem Fall. Die Vorwürfe wurden im September 2023 öffentlich gemacht.
Der Zwischenbericht ist Teil einer unabhängigen Untersuchung, die vom vom Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP), Dissens – Institut für Bildung und Forschung e.V. und der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (FZH) eigenständig und unabhängig durchgeführt. Über das Modell der Zuwendungsforschung wird sie durch das Bistum Essen, das Erzbistum Paderborn, die Bischöfliche Aktion Adveniat, die Katholische Soldatenseelsorge und das ZdK ermöglicht. Der Abschlussbericht wird Ende 2027 erwartet.
Die wissenschaftliche Studie finden Sie hier:
