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"Vocal Breaks" im Mathe-Unterricht

Am St. Hildegardis Gymnasium gibt's in Kooperation mit der städtischen Musikschule 10-Minuten Extra-Pausen mit Musik und Bewegung

Musik spielt am Bischöflichen St.-Hildegardis-Gymnasium eine große Rolle: Von kurzen, musikalischen Pausen zur Auflockerung des Unterrichts, über das besondere Angebot der Streicher-Klasse bis hin zu den aufwendigen, von Schülerinnen und Schülern geplanten und gestalteten Schulkonzerten. Die Schule im Duisburger Dellviertel profitiert dabei von vielen Kooperationen, unter anderem mit der städtischen Musik- und Kunstschule.

Foto: Oliver Müller | Bistum Essen
Foto: Oliver Müller | Bistum Essen

Wenn Benjamin Peters durch die Klassentür kommt, haben die Mathebücher Pause und auf den Gesichtern der 5c macht sich Grinsen breit. Die Schülerinnen und Schüler am Bischöflichen St.-Hildegardis-Gymnasium (SHG) kennen Peters schon von früheren Terminen. Und auch wenn er – wie immer – unangekündigt in den Unterricht platzt, wissen alle: Jetzt ist „Vocal Break“, zehn Minuten aktive Extra-Pause mit Singen, Klatschen und sonst wie Musizieren. „Ihr wisst ja, bei mir dürfte ihr immer etwas lauter sein“, ermuntert Peters die Jungen zum geräuschvollen Strecken und Gähnen zum Warmwerden. Dann geht’s los mit „Body-Percussion“: Die ganze Klasse steht und klopft sich im gemeinsamen Takt mit den Händen auf Arme, Brust und Beine.

 

Diese musikalischen Pausen am SHG sind in der Region noch ziemlich einmalig, zumal an einem Gymnasium. Die Kinder profitieren hier von der „EMSA“-Kooperation, die das Duisburger Gymnasium mit der städtischen Musik- und Kunstschule eingegangen ist. Gefördert vom Land NRW vernetzt das Projekt „EMSA – eine (Musik)Schule für alle“ weiterführende Schulen mit kommunalen Musikschulen, um so für beide Einrichtungen Mehrwert zu schaffen – zum Beispiel mit Musikschul-Lehrer Peters, der an diesem Morgen mit den „Vocal Breaks“ durch die fünften Klassen des Gymnasiums im Dellviertel tourt.

„Bei der ,Body Percussion‘ hat jeder die Möglichkeit, mal nach vorne zu kommen“

Wenn Musiklehrer Benjamin Peters in den Mathe-Unterricht "platzt, darf es ruhig mal 10 Minuten lauter werden. Foto: Oliver Müller l Bistum Essen
Wenn Musiklehrer Benjamin Peters in den Mathe-Unterricht "platzt, darf es ruhig mal 10 Minuten lauter werden. Foto: Oliver Müller l Bistum Essen

Die 5c ist jetzt voll in ihrem Element, alle klopfen und trommeln im gleichen Takt. Dann ruft Peters: „Wer hat einen Rhythmus?“ – und schon kommt ein Junge nach vorn, dreht sich zur Klasse und zeigt den Mitschülern den neuen Bewegungsablauf. „Wiederhol‘ noch mal!“, ermuntert Peters im Takt. Dann haben es alle verstanden: „Ich zähl‘ dich ein: eins, zwei, drei…“, sagt Peters – und die Klasse klatscht im neuen Rhythmus. „Die ,Vocal Break‘ ist so niederschwellig, dass jeder mitmachen kann. Und bei der ,Body Percussion‘ hat jeder die Möglichkeit, mal nach vorne zu kommen und etwas vorzumachen, was dann alle mitmachen.“ So wächst auch bei den Kindern das Selbstbewusstsein, die bei Mathe, Englisch oder Deutsch in der Klasse sonst nicht zu den Überfliegern gehören.

 

Nach dem Rhythmus-Klopfen gibt’s beim kurzen Mitmach-Konzert in der Mathe-Stunde „Bruder Jakob“ als A-capella-Version und den Kanon „Mango, Mango“, der sich nach und nach zu einem musikalischen Obstsalat entwickelt. Immer teilt Peters die Klasse in kleine Gruppen auf, die verschiedene Stimmen singen oder mit dem Mund rhythmische Bass-Geräusche machen. Danach endet die „Vocal Break“ mit einer Abkühl-Übung: „Atmet tief in den Bauch. Einatmen durch einen ,Strohhalm-Mund‘ mit gespitzten Lippen – und durch die Zähne wieder ausatmen.“ Dann winkt Peters in die Runde – und verschwindet durch die Tür zu den nächsten Fünftklässlern.

 

„Danach hat man den Kopf wieder frei“

In der 5c bekommt Peters anschließend Bestnoten für sein Programm. „Cool“, „schöne Abwechslung“, „gut zur Entspannung“ und „danach hat man den Kopf wieder frei“ sind nur einige der Kommentare der Kinder. Den „Bruder Jakob“ fanden einige zwar „kindisch“ – aber Benjamin Peters, der könne ruhig häufiger kommen. Da hätte weder Peters noch SHG-Musiklehrerin Corinna Müller-Goldkuhle etwas dagegen. Im Gegenteil: Perspektivisch können sich Gymnasium und Musikschule durchaus vorstellen, „Vocal Breaks“ in weiteren Klassen anzubieten – und dann nicht nur durch Peters: „Ein Ziel ist, Schülerinnen und Schüler so auszubilden, dass sie eigenständige ,Vocal Breaks‘ in jüngeren Jahrgängen anbieten können“, erläutert der Musikschul-Lehrer.

 

Für das SHG sind die „Vocal Breaks“ indes nur ein Baustein, um Kinder früh an Musik heranzuführen – und nur eines von verschiedenen Kooperationsprojekten mit Partner-Organisationen. Eine Basis für die erfolgreiche Orchesterarbeit der Schule legt zum Beispiel die „Streicher-Klasse“: In der 5. und 6. Klasse können sich die Schülerinnen und Schüler entscheiden, anstelle des gewöhnlichen Musikunterrichts in die Streicher-Klasse zu gehen, in der die regulären Unterrichtsinhalte mit dem Erlernen eines Streichinstruments verbunden werden. Geige, Bratsche, Cello oder Kontrabass stehen zur Auswahl – Vorkenntnisse sind keine erforderlich. Die Instrumente kann es – gegen Gebühr – auf Leihbasis geben, auch der Unterricht durch die Lehrkräfte der Musikschule kostet extra. Gleichzeitig ist die Streicher-Klasse eine beliebte Gelegenheit, ein Streichinstrument auszuprobieren ohne dafür in der oft knapp bemessenen Teenager-Woche noch extra Unterrichtszeit einplanen zu müssen.

 

Oberstufen-Kurse planen Schulkonzerte

Nicht alle Jugendlichen folgen mit dieser Ausbildung später Geigen-Profi David Garett – aber nicht wenige bleiben ihrem Instrument treu und wählen neben der freiwilligen „Streicher-AG“ in der Mittelstufe und dem möglichen „Profilkurs Orchester“ im Nachmittagsprogramm der Ganztagsschule in der 11. Klasse den „instrumentalpraktischen Kurs“. „In diesem Kurs machen die Schülerinnen und Schüler viel Musik zusammen“, erklärt Müller-Goldkuhle. „Parallel dazu geht es um die Planung unserer Schulkonzerte.“ Gleiches gilt für den „vokalpraktischen Kurs“ der Jahrgangsstufe 11, wo der Chorgesang im Mittelpunkt steht. Gemeinsam haben die Schülerinnen und Schüler so für das diesjährige Sommerkonzert nicht nur das Thema „Fantasy Adventure“ erarbeitet, sondern auch das Programm bis in die Details der einzelnen Stücke. „Das Ganze entsteht beim Gehen und erfordert damit ziemlich viel Flexibilität“, erläutert Müller-Goldkuhle. Am Ende entsteht so ein Konzert, das nicht nur von den Schülerinnen und Schülern getragen wird, die es präsentieren – sondern bestenfalls auch den Mitschülerinnen und Mitschülern gefällt, die zuhören.

 

Und natürlich den Eltern und Lehrkräften. Die dürfen sich im Konzert am Donnerstag, 6. Juni um 18.30 Uhr (in der Aula des Mannesmann-Gymnasiums, Am Ziegelkamp 13-15, in Duisburg – auch dies ein Baustein der vielen SHG-Kooperationen) zum Beispiel auf „The Winner Takes it All“ von Abba freuen, das der Schulchor gemeinsam mit „Vocal Break“-Sänger Peters und Musiklehrerin Müller-Goldkuhle einstudiert hat. „Erzählt die Story vom Gewinnen!“, versucht Müller-Goldkuhle die Jugendlichen bei der Probe zu einem noch emotionaleren Singen zu motivieren. Vielleicht braucht es dafür aber auch erst den Schlussapplaus des Schulkonzerts. Dann können sich alle Mitglieder der SHG-Ensembles als Gewinnerinnen und Gewinner fühlen. (tr)

 

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